ATOM-MÜLL-ARCHÄOLOGIE


Wir begeben uns auf eine Zeitreise ins Jahr 2170 und befinden uns irgendwo in Europa. Seit einiger Zeit materialisieren massenhaft auf Wiesen und Feldern gelbe Tonnen mit furchteinflößenden Markierungen. Heute is Donnerstag, der 15. März 2170.

Dutzende Augenzeugen europaweit berichten erschreckend in der Übereinstimmung ihrer Wortwahl von einer mysterienhaften Ausstrahlung, die alle unweigerlich erfasst, die sich den gelben Erscheinungen zu nahe heranwagen. Sie erfasst ein tiefer Schauer unausgesprochener Vorwürfe entstehend im Bauch, sich verbreitend als ein deutliches Stechen und Bohren in der Herzgegend, endend in gefühlten hochfrequenten Schwingungen im Kopf. Nahezu vernachlässigt werden können die Begleiterscheinungen der Gliedmaßen, die einem unmittelbaren Zwang folgend anfangen zu zittern und zu schwitzen.Die Berichte stimmen darin überein, dass alle optischen und emphatischen Erscheinungen exakt nach 20 Minuten und 17 Sekunden wieder vollständig verschwinden. So vollständig, dass die betroffenen Menschen lediglich ein flaues Gefühl einer Mahnung in der Magengegend zurück behalten. Dieses lässt über die Zeit aber nicht nach sondern manifestiert sich als dauernde Begleiterin in Körper und Seele der Betroffenen - ohne jegliche Ausnahme.Die numerische Häufung dieser Materialisationen in sich stets verkürzenden zeitlichen Abständen ließ vor drei Wochen die Kommission für Innere Sicherheit der Vereinigten Co-Operativen Nationen Europas federführend die Ermittlungen aufnehmen. Satzungsgemäß der Förderung der Inneren Sicherheit ihrer Mitglieder verpflichtet beauftragte die Kommission vergangene Woche die Heinrich-Schirmbeck-Friedensuniversität als Societas Co-Operativa Europaea mit der wissenschaftlichen Untersuchung der mysteriösen Angelegenheit.Der Vorstand des Manufaktur-Magazins eG erhielt vergangene Woche alle zur Verfügung stehenden Informationen über diese gelben Materialisationen inklusive der Ergebnisse der Untersuchungen über die mentalen Auswirkungen derselben auf betroffene Menschen von der Para-Psychologischen Genossenschaft aus Oslo. Die sieben schnellsten Mikro-Computer erstellten umgehend am vergangenen Freitag die audiovisuell-empathogenen  Komponenten der Spezialausgabe des Magazins. Seit Samstag früh bringt dieses alle Mitglieder der Vereinigten Co-Operativen Nationen Europas uneingeschränkt auf den aktuellen Sachstand der Gelben Materialisationen. Gleichzeitig wurden die Vorstände und Aufsichtsräte der Vereinten Co-Operativen Nationen Amerikas, Asiens, Afrikas, Indiens und Afrikas sowie der Alternativen Co-Operativen Nationen - ehemals World Competence Net - unterrichtet.Am Samstag, dem 10. März, erhielten alle Mitglieder des Co-Operativen Europas Zugriff auf das Manufaktur-Magazin-Spezial "Gelbe Materialisationen und ihre Auswirkungen auf die Innere Sicherheit der Vereinigten Co-Operativen Nationen Europas". Auf Olkiluoto, einer ehemals finnischen Insel, in Östhammar im früheren Nationalstaat Schweden, in Bure im lothringischen Einzugsgebiet, in Sellafield im vergangenen Vereinigten Königreich, an mehreren Standorten der amerikanischen Ko-Operation sowie besonders heftig in Fukushima, dem japanischen Unglücksort des frühen 21. Jahrhunderts, fanden am Sonntag früh um 02 Uhr 17 zeitgleich gelbe Materialisationen ungeahnter Intensität statt. Alle Menschen im Umkreis von 1970 Metern wurden für 20 Minuten und 17 Sekunden von den beschriebenen Nebenwirkungen erfasst - einerlei ob schlafend oder bei wachem Bewusstsein. Allen bleibt das flaue Gefühl einer Mahnung gleich in der Magengegend bis heute erhalten.Nichtsdestotrotz führten wir Europäer am Sonntag  unsere Mitgliederbefragung zur Beauftragung der Heinrich-Schirmbeck-Friedensuniversität SCE per HYPER-WEB durch. Sensationell gaben 94% der Mitglieder ihre Stimmen ab. Mit folgendem Ergebnis:in der Altersgruppe der 6 bis 14-jährigen stimmten 64% mit JA, 22% mit NEIN, 14% enthielten sich der Stimme;in der Altersgruppe der 14 bis 21-jährigen stimmten 58% mit JA, 32% mit NEIN, 10% enthielten sich der Stimme;in der Altersgruppe der 21 bis 64-jährigen stimmten 82% mit JA, 8% mit NEIN, 10% enthielten sich der Stimme;in der Altersgruppe der 64 bis 104-jährigen stimmten 64% mit JA, 12% mit NEIN, 24% enthielten sich der Stimme;in der Altersgruppe der 104 bis 150-jährigen stimmten 48% mit JA, 4% mit NEIN, 48% enthielten sich der Stimme.Damit ist gemeinschaftlich entschieden, dass die Friedensuniversität speziell das Institut für Zukunftsforschung mitsamt seinen An-Instituten die wissenschaftliche Leitung für die Untersuchung der Gelben Materialisationen übernimmt. Alle neuen Informationen werden per Hyper-Web nach Darmstadt weiter geleitet, dort zusammen gefasst und wissenschaftlich ausgewertet.Heute finden die Materialisationen im Stundentakt statt, regelmäßig dauern sie weiterhin 20 Minuten und 17 Sekunden, die Folgeerscheinungen erfassen alle Menschen im Umkreis von 1970 Metern. Allerdings wächst die dauernde Begleiterin vom flauen Gefühl zu erheblichen neuro-physiologischen Störungen heran, wie ein   Neugeborenes zum Jugendlichen wird. Die Menschen leiden zunehmend. Kaum eine Person, die sensationslüstern die Gelben Materialisationen web-foto-technisch der Nachwelt erhalten mag. Zu groß sind die Folgen der Nähe, Abstand zu den gefährdenden Orten ist das Gebot unserer Stunde.Das Institut für Zukunftsforschung rätselt, findet keine naturwissenschaftliche Formel zur Erklärung der Phänomene. Erleben wir außerirdische Angriffe, Warnungen aus der Zukunft, Offenbarungen totgeglaubter Götter oder erliegen wir gemeinschaftlich irgendwelchen Horror-Visionen sich verselbst-ständigender Computer-Netzwerke?Ohne speziellen Auftrag aber geleitet vom Grundsatz der Selbstbestimmung und der Selbstverwaltung findet das Institut für Angewandte Literaturwissenschaft in seinen umfangreichen Datenbanken einen richtungsweisenden Hinweis: im unveröffentlichten Nachlass des Schriftstellers, wissenschaftlichen Essayisten, friedenspolitischem Vordenker und ökologischem Mahner Heinrich Schirmbeck entdecken die Forscher einen eindeutigen Hinweis in dem "Märchen vom sicheren Atomkraftwerk" oder "Die neue Atommüll-Archäologie" von 1970.Vor 200 Jahren beschwor der Namensgeber der heutigen Friedensuniversität bereits die unabsehbaren Folgen des akademisch unausgegorenen Entsorgens von Atommüll zum Ende des 20. Jahrhunderts. Das ist auch die Erklärung für die im 22.Jahrhundert sonderbaren Markierungen der materialisierenden gelben Tonnen.  Schirmbeck hat vor zwei Jahrhunderten dringend gewarnt vor den Folgen der Atom-Müll-Entsorgung der einzelnen Nationalstaaten. Heute erleben wir die Konsequenzen. Die Gelben Materialisationen entspringen dem handelnden Wahnsinn des ausgehenden 20. Jahrhunderts.Was wir heute erleben, so die Wissenschaftler des Instituts für Angewandte Literaturwissenschaft der Friedensuniversität, ist im Grunde vergleichbar mit der Pirouette des Elektrons, einer der zahlreichen Meistererzählungen Heinrich Schirmbecks. Die Gelben Materialisationen sind eine Pirouette des Atoms zumSchaden der Menschen, die gleichwohl Urheber der Pirouette sind.Besser 200 Jahre zu spät als NIE! Die Literaturwissenschaftler bitten die Mitglieder der universitären Genossenschaft um die Erlaubnis, zum Zwecke der Selbsthilfe der Menschen den Fachbereich Atom-Müll-Archäologie einzuführen und aufzubauen. Das erscheint ihnen als der einzig gangbare Weg, der Gefahr der Gelben Materialisationen zu begegnen. Per Hyper-Web wird die Abstimmung für morgen anberaumt.Den Hinweis der Literaturwissenschaftler aufnehmend, entdecken die Zukunftsforscher den entscheidenden Zusammenhang: die Erscheinungen der Gelben Materialisationen finden an jenen Orten statt, die zum Ende des 21. Jahrhunderts von "Wissenschaftlern" leichtfertig als Endlager auserkoren wurden.Mit den Worten Heinrich Schirmbecks 1970: "Der Mensch ist das zur Fehlleistung, zum Irrtum verurteilte Wesen, weil seine Leistung nur durch Irrtum und Fehlleistung gewährleistet ist, und weil er aus ihnen lernt."Eine Woche später - wir schreiben den 22. März 2170Der Mensch des 22. Jahrhunderts hat (schnell) gelernt. Wir müssen uns mit den atomaren Erblasten des ausgehenden 20. Jahrhunderts ernsthaft auseinandersetzen und uns im Wege der Atom-Müll-Archäologie mittels moderner Technik von diesen Gelben Materialisationen befreien.Die Forscherinnen des Zukunfts-Instituts schlagen die Bergung des Atommülls aus allen Standorten weltweit vor, verbunden mit der Entfernung von der Erde mittels unbemannter Weltraum-Fähren Richtung Sonne. Die erforderlichen Techniken, Materialien und Know-How werden von den United Co-Operative Nations | Human Eden zur Verfügung gestellt.Die Mitgliederbefragung der Vereinigten Co-Operativen Nationen Europas ergibt über alle Altersgruppen hinweg eine 98%ige Zustimmung. Über alle Differenzen hinweg erfolgen morgen die Mitgliederbefragungen in den anderen Teilen der co-operativen Welt. Auch hier wird enorme Zustimmung erwartet.Seit der Zustimmung der  Vereinigten Co-Operativen Nationen Europas finden erstaunlicherweise keine Gelben Materialisationen mehr statt. Die persönlichen Beschwerden der betroffenen Menschen nehmen weltweit linear steil fallend ab. Es ist als ob die Atome uns auf Heinrich Schirmbecks Mahnungen hinweisen wollten -  uns warnen wollten, die Hinweise der Vergangenheit ernst zu nehmen und nicht zu vergessen.Zurück im 21. JahrhundertTrotz Klimawandel und anderer ökologischer Themen, lasst uns nicht dieses Thema aus den Augen verlieren.Der Text entstand aus einer Inspiration aus dem Nachlass Heinrich Schirmbecks - dem wir dieswegen zu großem Dank verpflichtet sind.UNITEC CO-OPERATIVE NATIONS | HUMAN EDENim MAI 2017