1888: Zeitgenössische Betrachtungen zum Werk und Wirken Friedrich Wilhelm Raiffeisens

Fürst Wilhelm zu Wied richtete im Sommer 1888 als Freund Raiffeisens in einem Schreiben an den Straßburger Vereinstag folgende Wünsche aus: >> dass alle Vereinsgenossen einmütig zusammenhalten, um, seinem Vorbilde folgend, in wahrhaft christlicher Nächstenliebe künftigen Geschlechtern den Schatz zu übermitteln, den er ihnen hinterlassen hat, den Schatz, durch welchen sie in den Stand gesetzt werden, den kalten Egoismus und die berechnende Gewinnsucht unserer Zeit zum Besten der Ärmsten unseres Volkes, des kleinen Landmanns, zu durchbrechen. Das Ihnen das gelingen möge, das walte Gott!<< (4)

Am 30. März 2018 jährt sich der Geburtstag Raiffeisens zum 200. Mal, am 11. März 2018 gedenken wir des 130. Todestags.Dieses schicksalhafte Jahr 1888 (sog. Dreikaiserjahr) legt aber auch Zeugnis von der Zugkraft der Ideen Raiffeisens ab:>>In Bezug auf die Ausbreitung der Vereine im Auslande nehmen Oesterreich und Italien den ersten Rang ein.<< (2)

In der Schweiz wurde die erste Vereinigung nach dem Vorbild Raiffeisens gegründet. In Frankreich und England entstehen in dieser Zeit gleichfalls erste Vereine. In Dänemark, Holland und Belgien wurde die Idee der Raiffeisen'schen Darlehnskassen-Vereine bereits früher umgesetzt.

Die Idee, das war  die Selbsthilfe: >>freilich nicht die Selbsthilfe des Einzelnen, sondern die Selbsthilfe von Vereinigungen, welche sich durch gleiche Interessen und Zwecke verbunden fühlen.<<(1)

Im Dezember 1888 – neun Monate nach dem Tod Raiffeisens – beriet der Reichstag in erster Instanz über die Reform des Gesetzes betreffend der „Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“.

In der Hauptsache ging es um die „socialreformatorische Bedeutung“ dieses neuen Entwurfs.Am Anfang stand in Deutschland das preußische Genossenschaftsgesetz vom 27. März 1867, das durch Beschluss vom 04. Juli 1868 in ein Bundesgesetz erhoben wurde.

Inhaltlich folgten diese dem Grundsatz der „unbeschränkten Haftbarkeit aller Mitglieder gegenüber den Gläubigern der Genossenschaft“. Die Reform des Entwurfs von 1888 dringt im Wesentlichen darauf, neben der unbeschränkten Haftung auch die beschränkte Haftung der Mitglieder der Genossenschaften zu zulassen.>>In früherer Zeit waren die Genossenschaften mit unbeschränkter Haftpflicht ein Dogma der Fortschrittler und des fortschrittlichen Vaters des Genossenschaftswesens, Schulze-Delitzsch.

Aber wie viele fortschrittliche Ideen, so hat auch diese jetzt ihre Macht verloren, und die Verhandlungen des Reichstags beweisen, daß der insbesondere von conservativer Seite vertretene Gedanke der beschränkten Haftbarkeit zu allgemeiner Anerkennung durchgedrungen ist.

Erst hiervon wird das Aufblühen des Genossenschaftswesens auf einer durch die weiteren Bestimmungen des Gesetzes sichergestellten gesunden Grundlage möglich sein.<< (1

)>>In jedem kleinen Dorfe haust ein Wucherer, um der Bevölkerung das Blut auszusaugen, aber es konnten, hauptsächlich wegen der abschreckenden Solidarhaft, seit etwa 30 Jahren erst in einigen hundert Ortschaften auf dem Genossenschaftsprinzip beruhende und so segensreich wirkende Raiffeisen'sche Darlehnskassen ins Leben gerufen werden. Wenn in jedem Orte Wirthschaftsgenossenschaften für die verschiedensten Zwecke bestehen, erst dann werden dem wirthschaftlichen und socialen Elend seine Hauptquellen abgegraben sein.<< (1)

Abschließend ein Ausflug in das Jahr 1894 an das Königliche Kammergericht zu Berlin:

>>Die Raiffeisen'schen Darlehnskassen-Vereine haben bezüglich eines ihrer Hauptprinzipien in jüngster Zeit einen Erfolg zu verzeichnen. Bekanntlich sammeln sie statutgemäß den jährlichen Gewinn zu einem untheilbaren Vereinsvermögen (Stiftungsfonds) an.

Verschiedene Gerichte hatten diese Bestimmung beanstandet und die Eintragung in das Genossenschaftsregister verweigert. Auch war von den betreffenden Gerichten die in den Statuten betonte sittliche Hebung der Mitglieder als nicht im Sinne des Genossenschaftsgesetzes entsprechend bemängelt worden.

Die Generalanwaltschaft Raiffeisenscher Genossenschaften zu Neuwied sah sich deshalb veranlaßt, die Entscheidung des höchsten Gerichtshofes für das Genossenschaftswesen in Preußen, des Königlichen Kammergerichts in Berlin, herbeizuführen. Dieses hat durch Beschluß vom 21. Mai zu Recht entschieden, daß nicht nur die Betonung des sittlichen Prinzips, sondern auch die Einrichtung des Stiftungsfonds den Grundsätzen bezw. Intentionen des Genossenschaftsgesetzes entspricht.

Die Entscheidung ist in Nr. 34 des Justizministerialblattes vom 21. September veröffentlicht worden.<< (3)

Recherche Staatsbibliothek zu Berlin,

Quellenangaben:

(1) Amtspresse Preußens, VII. Jahrgang. No. 113. Neueste Mittheilungen. Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Freitag, den 14. December 1888, S.1

(2) Amtspresse Preußens, VII. Jahrgang. No. 65. Neueste Mittheilungen, Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 3. Juli 1888, S.4

(3) Neueste Mittheilungen, Verantwortlicher Herausgeber: Karl Homann. Berlin, Dienstag, den 23. Oktober 1894, S.4

(4) Fürst Wilhelm zu Wied, 1845-1907, zit. bei http:// www. raiffeisenstrasse.de sowie Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, VII. Jahrgang. No. 26. Neueste Mittheilungen, Verantwortlicher Herausgeber: Dr. H. Klee. Berlin, Dienstag, den 3. Juli 1888, S.6